Bindung macht Schule

"Niemand kann seine Potenziale alleine entfalten. Jeder Mensch braucht dazu immer die Beziehung zu anderen."

Gerald Hüther

In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts haben John Bowlby und Marie Ainsworth die Bindungstheorie entwickelt. Nach vielen Jahren der Forschung zu diesem Thema, bekommt die Bindungstheorie heute mehr und mehr Aufmerksamkeit.

Es ist wissenschaftlich belegt, dass eine sichere Bindung die physische und psychische Entwicklung von Kindern massgeblich verbessert. Je sicherer die Bindung umso selbstsicherer und experimentierfreudiger ist das Kind. Bindungssichere Kinder sind empathischer. Zudem verfügen sicher gebundene Kinder über eine grössere Frustrationstoleranz. Sie können also besser mit Schwierigkeiten umgehen.

Betrachten wir dies unter dem Aspekt der Lernfähigkeit und des sozialen Miteinanders ist leicht zu erkennen, dass sicher gebundene Kinder einfacher lernen, besser mit Fehlern umgehen können und sich gegenüber ihren Mitschülern sozialer verhalten.

Es ist deshalb im Interesse der Schulen und unserer Gesellschaft, dass möglichst alle Kinder eine sichere Bindung erfahren können.

Die Schule als 2. Bindungsinstanz

"Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit."

Milton Erickson

Leider ist das Wissen über die Wichtigkeit der sicheren Bindung noch längst nicht bei allen Eltern angekommen. Nur wenige Kinder haben zu ihren Eltern tatsächlich eine sichere Bindung aufbauen können.

Deshalb sollte sich die Schule bewusst sein, welche grosse Chance sie unseren Kindern als zweite Bindungsinstanz bieten kann!

Schulkinder verbringen mehr Zeit in der Schule, als zuhause bei ihren Eltern! Diese Tatsache macht deutlich, welche Verantwortung den Lehrpersonen obliegt. Kindern, welche von zuhause keine sichere Bindung mitbringen, sollte in der Schule die Erfahrung einer sicheren Bindung ermöglicht werden!

Die Lehrpersonen, welche täglich viele Stunden mit ihren Schülern verbringen, haben die Möglichkeit, den Kindern etwas vom wichtigsten, das es überhaupt gibt, zu vermitteln: eine sichere Bindung. Damit können Lehrpersonen den Kindern etwas überaus Wertvolles mit auf ihren Lebensweg geben, denn eine sichere Bindung kann man nicht nur als Kleinkind zu seinen Eltern aufbauen, sondern auch später zu anderen Bezugspersonen.

Insbesondere für Kinder mit Migrationshintergrund oder für Kinder von weniger gebildeten Eltern bedeutet die Schule als zweite Bindungsinstanz eine grosse Chance. Lehrpersonen leisten durch den Aufbau einer sicheren Bindung zu ihren Schülern einen grossen Beitrag an die Gesellschaft, weil Bindungssicherheit zu einer besseren Bildung und zu grösserem sozialen Engagement führt.

Der Return on Investment zeigt sich also in der Gesellschaft, wenn die heutigen Kinder künftig als empathische Erwachsene bindungssicher mit ihren Mitmenschen und Mitarbeitern umgehen werden und auch ihre Kinder bindungssicher erziehen werden. Es wird weniger unsichere Menschen geben, weniger Depressionen, weniger Lernschwächen usw., sodass auch die entsprechenden Gesundheits-und Förderungskosten gesenkt werden können.

Sicheres Lernumfeld

"Bindungssicherheit ist eine Voraussetzung für kognitive und emotionale Lernprozesse."

Karl Heinz Brisch

Es ist schon seit längerem bekannt, dass sich die Merkfähigkeit und das Lernverhalten durch ein positives Lernklima massiv steigern lassen. Nur wenn wir entspannt sind – der Parasympathikus also aktiviert ist, können wir richtig lernen.

Schüler die Angst haben vor ihrer Lehrperson, sich gestresst oder unter Druck gesetzt fühlen, können entsprechend weniger leisten. Dies erhöht automatisch den Stress: Die Angst Fehler zu machen oder nicht mehr mitzukommen, führt somit immer mehr zu Lernblockaden.

Die sichere Bindung ist eine hervorragende Möglichkeit ein sicheres und entspanntes Lernklima zu schaffen. Sicher gebundene Schüler haben mehr Selbstvertrauen, sind experimentierfreudiger, getrauen sich Fehler zu machen und lernen dadurch viel effizienter.

ADHS und Co.

"Das Ziel der Schule sollte immer sein, harmonische Persönlichkeiten und nicht Spezialisten zu entlassen."

Albert Einstein

Bei 3-5 Prozent der Kinder in der Schweiz wird eine ADHS Diagnose gestellt. Früher waren es POS-Kinder, und zu meiner Schulzeit hiessen sie Zappelphilipp.

Wilde, oder unruhige Kinder gab es schon immer. Und schon seit jeher gelten sie in der Schule als Störenfriede. Immer mehr Kinder bekommen Ritalin verabreicht, oder wechseln in eine Privatschule, weil die Lehrpersonen ihr Verhalten im Klassenverband nicht mehr dulden wollen.

Wie die Bindungsforschung zeigt, haben Kinder mit ADHS meist einen bindungsunsicheren oder bindungsdesorientierten Hintergrund. Ihre Sensoren sind deshalb äusserst wachsam, und diese Kinder stehen quasi ständig unter Strom. Unter diesem inneren Stress fällt es den ADHS -Kindern sehr schwer, sich auf die Lerninhalte zu konzentrieren. Jede Bewegung, jeder Bleistift der hinunter fällt, wird registriert und sorgt für Ablenkung.

Wie im oberen Abschnitt bereits erwähnt, ist es gerade für unruhigen Kinder – auch jene ohne ADHS-Diagnose – von grosser Wichtigkeit, dass der Klassenraum zu einem sicheren Ort mit entspanntem Lernklima wird. Wenn die Lehrperson zur sicheren Bindungsperson wird, haben auch diese Kinder grosse Chancen, sich zu entspannen und sich besser auf den Unterricht konzentrieren zu können.

Gewaltprävention

"Die Motivation zur Gewalt basiert meistens auf Zurückweisung und dem Gefühl nicht ernst genommen zu werden."

Henri Parens

Nicht nur in Schulen und auf Pausenplätzen ist Gewalt immer wieder ein Thema. Ganz allgemein im Weltgeschehen scheint Gewalt zum Alltag zu gehören. Nur wenige Kinder erleben zu Hause in der Familie eine sichere Bindung. Die Digitalisierung und die Gleichberechtigung tragen ihren Teil dazu bei (obwohl das nicht sein müsst!!). Eine sichere Bindung geht mit dem feinfühligen Umgang der Eltern mit ihren Kindern einher. Je weniger feinfühlig die Eltern sind, umso weniger feinfühlig werden die Kinder. Wie weiter oben bereits beschrieben, verfügen sicher gebundene Kinder über mehr Empathie Fähigkeit, weil sie sich feiner in ihre Mitmenschen einfühlen können.

Wenn Lehrpersonen im Sinne einer sicheren Bindung feinfühlig auf ihre Schüler einzugehen vermögen, leben sie ihren Schülern vor, wie friedlicher Umgang untereinander funktioniert. Beim Gewaltpräventions-Programm B.A.S.E.® beobachten die SchülerInnen im Klassenverband wöchentlich die Interaktion zwischen einer Mutter/einem Vater und ihrem Neugeborenen Baby. Diese Beobachtung, unter Anleitung und gezielter Fragestellungen durch die B.A.S.E.®-Gruppenleiterin, hilft den SchülerInnen gegen Aggression und Angst und fördert ihre Sensitivität und Empathie. Sie lernen sich einzufühlen, und so gelingt es den SchülerInnen auch im Umgang mit ihren Mitschülern immer besser, diese empathisch wahrzunehmen und angemessen auf sie zu reagieren.

Paradigmenwechsel

"Ein Kind ist ein Buch, aus dem wir lesen und in das wir schreiben sollen."

Peter Rosegger

Es braucht einen Paradigmenwechsel. Nicht nur in der Schule, sondern ganz allgemein im Umgang mit den Kindern dieser Welt. Und die Lehrpersonen und Schulen können allen voran als gutes Beispiel zeigen, wie durch wenige Veränderungen, sehr viel bewirkt werden kann.

Noch immer herrschen Wertvorstellungen vor, die einer Gehorsamskultur entstammen. Es ist an der Zeit, eine Pädagogik zu schaffen, die auf Integrität, Selbstwert und persönliche Verantwortung setzt. Mit feinfühligem Umgang und dem Aufbau einer sicheren Lehrer-Schüler-Bindung, schaffen Sie genau die richtigen Voraussetzungen dafür.

Damit die Kinder sich so verhalten können, wie wir Erwachsenen uns das wünschen, müssen wir Erwachsenen es ihnen vorleben. Das ist der einfachste Weg, zu erreichen, was wir von unseren Kindern erwarten.

Die Schule und ihre Lehrpersonen hat wohl das grösste Potenzial, für unsere Kinder – die Erwachsenen der Zukunft – etwas wertvolles zu leisten.